Ein paar Tipps für die iPad-Ausgabe der ZEIT
Als ich gestern Abend die neue iPad-App der ZEIT heruntergeladen und getestet habe hat es mir doch ein wenig die Sprache verschlagen. Gerade von der ZEIT, die für gewöhnlich viel Wert auf das Edle legt, hätte ich etwas Anderes erwartet. Ich will jedoch kein Review schreiben, das hat Alex Olma schon beim iphoneblog getan (und das noch sehr wohlwollend). Ich mag die ZEIT und ich würde sie liebend gerne auf dem iPad kaufen, weshalb ich statt zu meckern ein paar konstruktive Vorschläge bringen möchte.
Ich wünsche mir eine iPad-Ausgabe als eigenständiges Produkt. Keinen PDF-Viewer und keine aufgehübschte Darstellung der Webseite. Die Daten liegen doch für gewöhnlich in einem Redaktionssystem und lassen sich als XML auch wieder herausholen. Mit ein bisschen Liebe zum Detail sollte auf dieser Basis ein Layout zu schaffen sein, das mindestens an das vom SPIEGEL heranreicht (meiner Meinung nach die Mindestanforderung). Für die, die hier nicht so den Überblick haben: Marc hat sich bei MacVillage verschiedene Zeitschriften-Apps angesehen und vorgestellt. Eine ordentliche Artikeldarstellung die im Hoch- wie im Querformat funktioniert und eine intelligente Navigation durch die Ausgabe sollten obligatorisch sein, daran will ich mich auch gar nicht festbeißen.
Ein Fehler den man sich ersparen könnte wäre, dem weitverbreiteten Irrlauben aufzusitzen, eine digitale Zeitschrift müsse mit wilden Videos und interaktiven Grafiken vollgestopft werden. Kostet viel Geld und ist nicht mehr als ein Gimmick. Eine Fokussierung auf diese Äußerlichkeiten sorgt nur dafür, die genotypischen Eigenschaften des Produkts zu vernachlässigen die da sind: hervorragend recherchierte und geschliffene Texte und davon eine qualitativ und quantitative Selektion. Stellt man das in den Mittelpunkt, wären viel mehr als die hübsche Hülle Folgendes interessant:
1. Textarbeit
An erster Stelle will ich Artikel lesen (und zwar gerne genau die, die auch in der Printausgabe enthalten sind) und das möglichst angenehm. Das ist obligatorisch. Mit manchen Artikeln möchte ich aber mehr machen. Ich will sie ausschneiden und in eine Mappe stecken, was im Prinzip einer Favoriten-Funktion entspricht. Ein Element der App sollte demnach eine sortier- und durchsuchbare Sammelmappe sein. Orientierung bietet hier etwa Evernote oder Reeder. Um gleich zu sehen, warum ich den Artikel aufgehoben habe, will ich zentrale Textstellen markieren und Notizen hinzufügen. Hier könnten wir 1:1 die analogen Funktionen der iBooks übernehmen, die vielen Nutzern auch schon vertraut sind und mit denen man ziemlich gut arbeiten kann.
2. Zitate statt Artikel teilen
Das ein Artikel bei Facebook o.ä. gepostet werden können sollte ist ebenfalls wieder obligatorisch. Meistens hat es allerdings einen Grund, warum ich einen Artikel poste, oder versende. Zudem haben wir bei einer iPad-Asugabe das Problem, nicht auf eine Webseite verlinken zu können. Ich würde deshalb empfehlen, Zitate statt einer Überschrift zu posten. Nehmen wir eine maximale Zahl von x markierbaren Zeichen, die dann mit einem Share-Button verbreitet werden können. "Zitat posten", "Zitat per E-Mail versenden" usw. Das Zitat bekommt einen ordentlichen Verweis woher es stammt und einen Link und kann so auf allen Kanälen verbreitet und eingebunden werden.
3. Notizen und Kommentare
Wenn ich wie in 1) beschrieben Textstellen mit Notizen versehen kann erwächst in mir das Bedürfnis, von ein paar anderen ZEIT-Lesern wissen zu wollen, wo sie welche Anmerkungen hinzugefügt haben. Hier könnte ein primitives Follower-System Abhilfe schaffen. Ich kann von anderen ZEIT-Abonnenten die Notizen abonnieren und auf Knopfdruck in den geöffneten Artikel einblenden. Das ließe sich auch noch weiter aufbohren. So könnten Notizen z.B. Likes bekommen oder selbst wieder kommentierbar sein. Somit könnten Top-Notizen ebenfalls einblendbar sein und so dem Artikel ein kollaboratives Element verleihen.
Nichts spricht auch dagegen, einen Artikel ganz konventionell zu kommentieren und diese Kommentare als "Diskussion zum Artikel" optional einzublenden.
4. Aktualität durch Anbaumaßnahmen
Jeder Artikel könnte darüber hinaus optional eine erweiterte Ansicht im Programm haben. Eventuell gibt es doch hier und da doch digitalen Content wie ein Video oder Ähnliches, der gut zum Artikel passt. Wegen mir müsste der nicht in den Originalartikel integriert werden. In der erweiterten Ansicht aber würde ich mir gerne ansehen, was die ZEIT sonst noch zum jeweiligen Thema zu bieten hat. Auch wenn aktuelle Ereignisse etwa dazu führen, dass ein Dienstag gedruckter Artikel Donnerstag überholt ist und von ZEIT ONLINE etwas Neueres existiert, sollte es mit eingeblendet werden. Die App könnte mich mit dem bekannten roten Punkt dann darauf aufmerksam machen, dass sich bei einem Thema etwas getan hat. Aber mehr Aktualität braucht es nicht, denn die ZEIT ist digital eher ein Magazin als eine Zeitung (und auch bei der gedruckten Version ist nur die physische Erscheinung der Unterschied).
Für eine ZEIT, die ich angenehm lesen, aufheben, teilen und diskutieren kann, würde ich definitiv so viel Geld ausgeben, wie für die gedruckte Ausgabe.


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