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Spielen ist ... Anthropologie!

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Ich beobachte ja nun schon eine ganze Weile die Entwicklung der Social Games und bin hoch erfreut über die Diskussion, die langsam aber sicher auch ein intellektuelles Niveau erreicht. Wenngleich nach wie vor zahlreiche Netzstimmen die scheinbare Sinnlosigkeit und Gefahr von Spielen wie Farmville in die Welt posaunen (hat es eigentlich jemals eine ähnliche Diskussion zum Thema "Mensch ärgere Dich nicht", "Monopoly", "Scrabble" usw. gegeben?!)

Der mir bis dahin nicht bekannte A. J. Patrick Liszkiewicz ("an interdisciplinary artist and theorist whose work explores aspects of human interaction") hat im Januar anlässlich des Todes des Historikers Howard Zinn einen bemerkenswerten Vortrag mit dem Titel "Cultivated Play: Farmville" gehalten. Er greift die genannte scheinbare Sinnlosigkeit auf und begibt sich auf die Suche nach dem Sinn am Beispiel von Farmville. 
Es wird ja gerne vergessen, welch entscheidende Rolle das Spiel in der Geschichte der Philosophie eingenommen und welch Diversität der Begriff entwickelt  hat. Wie sich das gehört beginnt Liszkiewicz mit Aristoteles, der sich in seiner "Politik" zum Spiel äußert (1337b):

Denn die Muße, um noch einmal von ihr zu reden, ist der Angelpunkt, um den sich alles dreht. Denn wenn auch beides sein muss, so ist doch das Leben in Muße dem Leben der Arbeit vorzuziehen, und das ist die Hauptfrage, mit welcher Art Tätigkeit man die Muße auszufüllen hat. Man wird doch wohl nicht behaupten wollen, dass man sie auf eitles Spiel verwenden müsse. Dann wäre ja das Spiel der Zweck unseres Daseins. Wenn das aber unmöglich ist, und man des Spieles vielmehr bei der Arbeit pflegen soll - denn der Müde braucht Erholung, und das Spiel ist der Erholung wegen, und die Arbeit geschieht mit Mühe und Anstrengung -, nun, so folgt, dass man dem Spiele nur mit Beobachtung der rechten Zeit seiner Anwendung Raum geben darf, indem man es wie eine Medizin gebraucht. Denn eine solche Bewegung der Seele ist Ausspannung und wegen der damit verbundenen Lust Erholung. Die Muße dagegen scheint Lust, wahres Glück und seliges Leben in sich selbst zu tragen. Das ist aber nicht der Anteil derer, die arbeiten, sondern derer, die feiern. Denn wer arbeitet, arbeitet für ein Ziel, das er noch nicht erreicht hat, das wahre Glück aber ist selbst Ziel und bringt, wie allen feststeht, nicht Schmerz, sondern Lust.

Die sogenannte Digitale Bohème könnte es sich an die Türe schreiben. Aber das Spiel ist ja weit mehr als Erholung und Zeitvertreib. Im fließenden Übergang vom "vor sich hinspielen" zum geregelten Spielen findet sich die Wiege von Unmengen unserer Kulturtechniken. Das beginnt beim Kleinkind, das im Spiel die Welt kennen lernt indem es spielerisch den Alltag simuliert. Unseren Diskussionen liegen die Wittgensteinschen Sprachspiele zugrunde. Ob kreatives herumspinnen (dann eher spielerisch, wie das willkürliche Herumwerfen eines Balls) oder juristischer Diskurs (dann eher streng logisch geregelt, wie etwa Schach). Aus dem geregelten Spiel leitet sich schließlich die Strategie ab, aus dem geregelten Sprachspiel die Logik. Aufgrund der fruchtbaren Weite des Begriffs kann man bei der Definition des Spiels des französischen Philosophen Roger Caillois nur den Kopf schütteln. In "Die Spiele und die Menschen: Maske u. Rausch." legte er Anfang der 60er Jahre fest, dass ein Spiel um ein Spiel zu sein sechs Kriterien genügen muss, nämlich: Freiwillige Zusammenkunft der Spieler, Unproduktivität, räumliche und zeitliche Begrenzung, Ablauf durch Regelwerk festgelegt, das Spiel findet in einer fiktiven Wirklichkeit statt, der Ablauf ist offen und das Ende ungewiss. Das wäre auch Unsinn, wenn sich die Punkte nicht haarsträubend widersprächen.

Auch wegen solcher Ansätze fristete der homo ludens bisher ein Nischendasein. 1938 schrieb der Kulturhistoriker Johan Huizinga ein äußerst lesenswertes Buch mit dem Titel "homo ludens", aber viel hat sich darüber hinaus in diesem Bereich der philosophischen Antropologie nicht getan. Ich kann mir vorstellen, dass sich das langsam zu ändern beginnt. Durch die sogenannten Social Games haben digitale Spiele den Sprung in den Massenmarkt geschafft und werden dadurch natürlich vermehrt diskutiert und untersucht. Man wird dabei viel über den Menschen lernen und damit indirekt eben den homo ludens und nicht den homo sapiens betrachten, wenngleich die Neurowissenschaftler vermutlich als erstes spielende Probanden verdrahten. 

Und was leistet nun ein Spiel wie Farmville? Das Spiel sozialisiert, es befriedigt Triebe (etwas geschafft haben, etwas kreieren, etwas vorzeigen) und das ist gut so. Gleich kommen die Bedenkenträger und sprechen wieder vom sinnlosen Zeit totschlagen. Und es ist ja auch was dran. Wenn kein kreatives, sozialisierendes, schaffendes Moment mehr da ist kann es auch kippen. Liszkiewicz zum Abschluss:

If Howard Zinn had but one lesson to teach us, it is that cultivated citizens must constantly look around and examine what they’re doing, because there is a fine line between being a cultivated citizen and being someone else’s crop.


(Bildquelle: Feggic bei flickr)

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